Archiv: Anekdote

  • Ein musikalischer Priester

    Nicht jeder Priester ist musikalisch — und, so seltsam es klingt, nicht jeder Musiker ist besonders religiös. Ein Autor befragte einmal einen Priester zu den musikalischen Zeichen in Antiphonar und Brevier und stellte fest, dass er völlig ahnungslos war: Notenwerte, Tonhöhen, Grundzeichen — nichts. Als man ihm ein Brevier von 1692 zeigte, stellte sich heraus,…

  • Musikkritik

    Wenn Musikreporter jede Woche neue Komplimente erfinden müssten, wären viele schnell am Ende. Außerhalb großer Städte wird vom Konzertberichterstatter oft kein musikalisches Wissen verlangt; Rezensionen schrumpfen dann zu Floskeln: „Fräulein A spielte schön“, „Fräulein B sang süß“, „Frau C zeigt das Ergebnis fleißiger Übung“, „Herr D sang wie immer angenehm“ — und so weiter, bis…

  • Eine Armee, eine Kuh und eine Primadonna

    Armeen erfüllen selten die Wünsche einer Primadonna — doch eine Geschichte aus der Belagerung Hamburgs deutet genau darauf hin. Während der Bombardierung soll die Oper ganz normal weitergespielt haben, und die eingeschlossenen Offiziere und Soldaten genossen besonders die Auftritte von Madame Fodor, der Primadonna der Saison. Wie viele große Sängerinnen war sie überzeugt, ohne ihren…

  • Beethovens Kuss

    1823 stand der zwölfjährige Franz Liszt als Wunderkind auf dem Programm. Auf Anton Schindlers Drängen kam Beethoven, um den Jungen zu hören und zu ermutigen. Als Liszt auf die Bühne trat und Beethoven in der ersten Reihe sah, war er nicht gelähmt — im Gegenteil: Es beflügelte ihn. Er spielte mit Feuer und Hingabe. Nach…

  • Mendelssohns Abneigung gegen Meyerbeer

    Felix Mendelssohn mochte Giacomo Meyerbeers Musik überhaupt nicht. Seine eigene empfand er als poliert, elegant und gelehrt — ohne billige „Effekte“ für den schnellen Beifall. Meyerbeer war zwar oft sehr geschickt (vor allem in der Instrumentation), griff aber auch zu grellen, sensationslustigen Mitteln. Ironischerweise sahen sich die beiden etwas ähnlich. Beide waren jüdischer Herkunft, beide…

  • Stimme gegen Trompete

    Es klingt unwahrscheinlich, doch es gibt viele Geschichten, in denen die menschliche Stimme Blasinstrumente übertraf — an Kraft und Ausdauer. Der legendäre Bass Luigi Lablache galt als Inbegriff von Klangmacht: Man sagte, er könne Orchester und Chor zusammen dominieren. Noch erstaunlicher ist Farinelli. In Rom trat er gegen einen Trompeter an und überflügelte ihn in…

  • Reisen wie eine Königin

    Primadonnen früherer Zeiten wurden auf Tourneen noch in rumpelnden Postkutschen befördert. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wirkte das bereits fast aus der Zeit gefallen. Wenn eine Starsopranistin die Kassen beherrschte, galt „fürstlich“ als Mindeststandard. Adelina Patti soll in einem privaten Salonwagen gereist sein, der rund £11.600 gekostet haben soll. Es war ein Palast auf Rädern:…

  • Stimmen

    Kaum etwas strapaziert ein Publikum so sehr wie ein chaotisches „Einstimmen“ vor dem Konzert — besonders bei Laienorchestern (und leider manchmal auch bei Profis). Wildes Kratzen und Blasen in voller Lautstärke kann die Nerven schon vor dem ersten Takt erschüttern, und es braucht dann sehr gutes Spiel, um das wieder gutzumachen. Auch Solisten sind nicht…

  • THE MUSIC BUT NOT THE FACE

    Große Komponisten hatten oft ein stahlhartes Gedächtnis für Musik – und ein ganz menschliches für alles andere. Rossini war dafür bekannt, Gesichter zu erkennen, aber Namen zu vergessen. Als er den englischen Komponisten Sir Henry Bishop traf, erkannte er ihn sofort, begann herzlich: „Oh! mein lieber Herr…“ – und blieb hängen. Statt zu bluffen, fand…

  • A CONCERT PREACHER

    Hans von Bülow war ein brillanter Pianist und, in den Augen der Behörden, eine Art öffentliche Plage – weil er in seine Konzertansprachen ständig politische Spitzen einbaute. In Leipzig zwang ihn die Polizei, als „Konzertprediger“ eine Erklärung zu unterschreiben: Bei Konzerten kein Wort – nicht einmal die Ankündigung des nächsten Termins. In Berlin wurde es…