Mendelssohn bei der Arbeit: schreiben und reden
Johann Sebastian Bach hatte für Komponisten, die nichts schreiben konnten, ohne es vorher auf einer Taste auszuprobieren, einen spöttischen Namen: „Cembalo-Ritter“. Felix Mendelssohn gehörte offenbar zu einer ganz anderen „Ritterschaft“.
Ein Freund besuchte ihn einmal und fand ihn mitten im Komponieren. Der Besucher wollte später wiederkommen, doch Mendelssohn winkte ab, bat ihn ins Arbeitszimmer und führte eine lebhafte Unterhaltung—während er ungerührt weiterschrieb.
Später schilderte der Gast, was er gesehen hatte: Mendelssohn arbeitete an der Partitur der Großen Ouvertüre in C-Dur für volles Orchester. Er begann oben, zog einen Taktstrich bis ganz nach unten über alle Systeme, füllte dann das zweite, dann das dritte System—teils mit Pausen, teils mit Noten. Bei den Geigen wurde klar, warum er so viel Platz gelassen hatte: Eine Figur brauchte Raum. Die längere Melodie wartete dennoch wie alle anderen Stimmen taktweise auf ihren Einsatz.
Kein Vorausblick, kein Zurückblättern zum Vergleichen, kein Summen. Der Stift lief gleichmäßig—langsam und sorgfältig, aber ohne anzuhalten—und das Gespräch riss nicht ab. Als Mendelssohn das „Abschreiben“ nannte, meinte er: Das ganze Stück war in seinem Kopf bereits vollständig ausgearbeitet, als läge die Partitur schon vor ihm.