Liszt und die „siebenstöckigen Melodien“
Wagners Musik wurde lange wegen ihrer dichten Harmonien und riesigen Klangballungen verspottet. Doch schon in den letzten Jahrzehnten ließ der Spott nach, und eine zumindest teilweise Anerkennung trat an seine Stelle—ein gutes Zeichen für musikalische Bildung.
Manche nennen Wagner „melodielos“. Oft ist das Gegenteil der Fall: Stellenweise sind es zu viele Melodien zugleich—zu viel Polyphonie für ein Ohr, das nur eine Linie verfolgt. Franz Liszt scherzte, Wagner schreibe „siebenstöckige Melodien“. Für eine „einstöckige“ Ausbildung wirken sieben Stockwerke wie Verwirrung.
Diese schweren Harmoniebündel machen es auch den Sängern nicht leicht. Wer aus der italienischen Oper kommt, wo alles wie ruhige See wirkt und das Orchester ständig stützt, landet bei Wagner plötzlich im nördlichen Wetter der Harmonie: rauer und unberechenbarer. Mitunter scheinen Sänger und Orchester getrennte Wege zu gehen, und der Orchesterklang ist nicht immer ein klarer Wegweiser.
Doch aus dieser scheinbaren Unordnung formt Wagners Hand eine höhere Harmonie, als die gepuderten Klassizisten je erträumt haben. Der Bassist Whitney spottete einmal, Wagner verwende im Eröffnungsakkord meist etwa sieben Töne der Tonleiter; der Sänger müsse nur den anderen Ton finden und „darauf losbrennen“. Übertrieben—aber sehr nachvollziehbar.