Einprägsame Erinnerungen
An anderer Stelle erzählt dieses Buch, wie Mozart, noch als Junge, Allegris berühmtes Miserere hörte und es so im Kopf behielt, dass er es später niederschreiben konnte. Er war nicht der Einzige mit einem solchen Geschenk (oder einer solchen Last).
Da ist zum Beispiel der englische Musiker Battishill, dessen Gedächtnis so stark war, dass selbst die längsten Werke von Händel, Corelli oder Arne ihm beim Spielen ausreichend präsent waren – ohne dass er den Notentext brauchte. Eines Tages speiste er bei Dr. Arnold und spielte aus dem Gedächtnis mehrere Stellen aus Arnolds Oratorium Der verlorene Sohn – Musik, die er seit dreißig Jahren nicht gehört hatte und die Arnold selbst völlig vergessen hatte.
Unter englischen Organisten und Komponisten ist der Name Wesley hoch verehrt. Die Brüder Charles und Samuel Wesley waren für außergewöhnlich „retentive“ Erinnerungen berühmt. Charles konnte Händels Chöre auswendig spielen. Samuel liefert eine noch erstaunlichere Geschichte: In jungen Jahren schrieb er ein Oratorium, das über dreihundert eng beschriebene Manuskriptseiten umfasste. Später wurde es bei einem Birmingham-Festival aufgeführt. Auf der Rückreise nach London wurde er ausgeraubt; der Koffer mit der Partitur tauchte nie wieder auf. Fast fünfundzwanzig Jahre später schrieb er das ganze Werk auf Drängen eines Freundes erneut nieder – mit verblüffender Leichtigkeit – und sagte, er „sehe die Partitur“ in seinem inneren Auge so klar, als läge sie vor ihm.
Blinde entwickeln oft ein starkes Gedächtnis, weil sie ständig darauf angewiesen sind. Trotzdem staunte man selbst unter ihnen über den blinden englischen Organisten Henry Smart: Er ließ sich von einem Freund die Noten eines Händel-Chors vorlesen und konnte später in der Kirche das Stück korrekt spielen. Wie? „Ich trage die Noten im Kopf“, sagte er, „und denke nicht an die Klänge.“