Mendelssohn und die vorbeisummende Fliege

Komponisten leihen ständig aus der Natur: einen Rhythmus, einen Ruf, einen Klang, der im Ohr bleibt. Die Natur liefert Rohmaterial; die Kunst formt es. Felix Mendelssohn sprach offen über solche „Schulden“. Er sagte einmal zu einem Freund, dass er—anders als Beethoven, der das Rauhe und Heroische wie ein musikalischer Jupiter malen könne—wenigstens Wälder und Felder, den Glanz des Sonnenscheins und die Bläue des Himmels in Musik verwandeln könne.

Derselbe Freund erzählte von einem Spaziergang mit Mendelssohn auf dem Land. Sie wurden müde, legten sich in den Schatten und plauderten. Plötzlich packte Mendelssohn seinen Begleiter am Arm: „Still!“ flüsterte er. Eine große Fliege war an ihnen vorbeigesummt, und Mendelssohn wollte hören, wie der Ton in der Ferne verklang.

Damals arbeitete er an seiner Ouvertüre zu Ein Sommernachtstraum (A Midsummer Night’s Dream). Kurz darauf, als das Werk fertig war, zeigte er dem Freund eine absteigende Bassfigur und sagte: „Da—das ist die Fliege, die bei Schönhausen an uns vorbeisummte.“

In ein paar Noten war ein alltägliches Insekt zu musikalischer Atmosphäre geworden—leicht, schnell und im Lufthauch vergehend.