DIE BACH-RENAISSANCE
Als Mendelssohn jung war, gehörte Edward Devrient – ein ernsthafter Musiker und ausgezeichneter Sänger – zu seinen engsten Freunden. Die beiden stöberten begeistert in der Musik des „alten Bach“ und staunten über das Können und die Gelehrsamkeit, die in ihr stecken.
Eines Tages beschlossen sie, Bachs „Passionsmusik“ anzugehen – ein Werk, das seit etwa hundert Jahren nicht öffentlich erklungen war und das selbst gute Musiker meist nur dem Namen nach kannten.
Sie waren von der Schönheit überwältigt. Devrient bestand sofort darauf, dass das Stück auf die Bühne gehöre. Mendelssohn lachte zunächst – überzeugt, das Publikum werde es ablehnen und das Ganze werde scheitern. Doch je mehr sie darüber sprachen, desto mehr brannte auch Mendelssohn dafür.
So gingen die beiden jungen Männer – Mendelssohn war erst achtzehn – zu Zelter, Mendelssohns Lehrer und einer der einflussreichsten Musikautoritäten Berlins. Nach vielen Diskussionen überzeugten sie ihn, dass der Plan funktionieren könne. Mit Zelters Unterstützung stürzten sie sich in die mühsame Praxis: Solisten engagieren, den doppelten Chor und das doppelte Orchester zusammenstellen, die die Partitur verlangt, und alles organisieren, was zu einer großen Aufführung gehört.
Devrient sang die Partie Christi, Mendelssohn dirigierte.
Das Ergebnis (1829) war ein Triumph. Das Publikum verlangte eine Wiederholung, und Berlin – bald darauf die Musikwelt insgesamt – begann zu begreifen, dass Bachs Meisterwerke eine Schatzkammer sind, die noch lange nicht ausgeschöpft sein würde. Ein großer Teil der modernen Kenntnis und Wertschätzung dieses geistlichen Meisterwerks geht auf jene beiden jungen Fürsprecher zurück – besonders auf Mendelssohn.
Und Mendelssohn blieb dran: Durch sein Engagement wurde 1842 vor der Thomas Schule, an der Bach unterrichtet hatte, ein Bach-Denkmal errichtet – so platziert, dass es den Fenstern von Bachs Arbeitszimmer gegenüberstand. Ein bleibender Gruß an eine der wahren Quellen der modernen Musik.