Unfehlbares Vom‑Blatt‑Spielen ist unmöglich
Man hört oft von Leuten, die angeblich „alles vom Blatt“ können. In Wirklichkeit ist unfehlbares Vom‑Blatt‑Spielen viel seltener, als solche Behauptungen vermuten lassen. Viele können fast alles lesen—aber „alles“ ist etwas anderes.
Sogar Bach, dessen Lesefähigkeit und Ausführung man Liszt, Mendelssohn, Mozart und anderen überlegen nannte, begann einmal an seine Unbesiegbarkeit zu glauben. Er sagte einem Freund, er könne alles vom Blatt spielen. Der Freund bewunderte ihn, glaubte es aber nicht ganz—und stellte ihm eine Falle.
Er wählte ein Stück, das auf dem Papier harmlos aussah, in Wahrheit aber deutlich schwieriger war, und legte es zwischen andere Noten auf Bachs Orgelpult. Dann lud er Bach zum Frühstück ein. Während das Essen vorbereitet wurde, tat Bach, was er oft tat: Er setzte sich und schaute die Noten durch, die gerade dalagen.
Nach wenigen Augenblicken stieß er auf das trügerische Stück. Er versuchte es, versuchte es erneut, hielt an, versuchte es wieder. Schließlich rief er dem Freund—der im Nebenzimmer lachte—zu: „Nein, nein, man kann nicht alles vom Blatt spielen. Das ist unmöglich.“