Das Gedächtnis eines Jungen

Ein Teil des Gottesdienstes in der päpstlichen Kapelle in Rom wurde wie ein Geheimnis im Archiv verwahrt. Das berühmte Miserere von Allegri war streng geschützt: Jeder Sänger, der es kopierte oder auch nur eine Note nach außen gab, riskierte Exkommunikation.

Nur drei autorisierte Abschriften wurden jemals verschickt: eine an Kaiser Leopold, eine an den König von Portugal und eine an den berühmten Musiker Padre Martini.

Trotzdem tauchte eine vierte Kopie auf — ohne päpstlichen Auftrag und nicht von einem Chorsänger. Als der junge Wolfgang Mozart mit seinem Vater Rom besuchte, hörten sie den Gottesdienst im Petersdom. Der Vater konnte den Jungen kaum losreißen, als es Zeit zum Gehen war.

In der Nacht, nachdem Leopold Mozart eingeschlafen war, stand der Junge heimlich auf und schrieb das ganze Miserere bei hellem italienischem Mondlicht aus dem Gedächtnis nieder. Schlösser, Riegel und Exkommunikationsdrohungen waren gegen ein Gedächtnis wie das Mozarts machtlos.