Sontags „Rache“ (die keine war)
Henrietta Sontag startete nicht oben. Zu Beginn ihrer Karriere wurde sie in Wien von Anhängern ihrer Rivalin Amelia Steininger von der Bühne ausgebuht. Viele wären daran zerbrochen. Sontag machte weiter – bis sie in ganz Europa als führende deutsche Sängerin ihrer Zeit gefeiert wurde.
Viele Jahre später, auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, fuhr sie durch Berlin und sah ein kleines Mädchen, das eine blinde Frau führte. Gerührt winkte sie das Kind heran und fragte, wen es an der Hand führe.
„Meine Mutter“, sagte das Mädchen. „Amelia Steininger. Früher war sie eine große Sängerin, aber sie hat ihre Stimme verloren. Sie hat so sehr darüber geweint, dass sie jetzt nicht mehr sehen kann.“
Sontag erkundigte sich nach der Adresse und sagte: „Sag deiner Mutter, dass heute Nachmittag eine alte Bekannte vorbeikommt.“ Dann suchte sie die beiden auf, kümmerte sich um Mutter und Tochter und ließ sogar einen erfahrenen Augenarzt kommen – doch die Sehkraft ließ sich nicht wiederherstellen.
Und damit nicht genug: In der folgenden Woche gab sie ein Benefizkonzert für ihre frühere Rivalin, und man sagte, sie habe an diesem Abend gesungen wie nie zuvor. Wenn Applaus eine Bedeutung hat, klatschte nicht nur der Saal.