Spohr lernt über Nacht Horn

Louis Spohr—berühmt als Geiger und Komponist—war auch schlagfertig und einfallsreich. In seiner Autobiografie erzählt er eine Episode aus dem Jahr 1808, als Napoleon in Erfurt ein glänzendes Treffen der Herrscher veranstaltete. Zu den Festlichkeiten wurden Tragödien aus Paris mit dem Schauspieler Talma eingeladen.

Spohr und einige Schüler liefen von Gotha nach Erfurt, nur um Talma zu sehen. Doch das Theater war für gewöhnliche Leute praktisch gesperrt: Die besten Plätze waren für den Hof reserviert. Spohr bestach vier Orchestermusiker, damit seine Gruppe deren Plätze einnehmen konnte. Drei waren Streicher—das konnten die Schüler übernehmen. Der vierte war Hornist—das konnte niemand vortäuschen.

Also tat Spohr das Einzige: Er lernte Horn. Den ganzen Tag übte er mit eiserner Konzentration. Abends mussten die Musiker mit dem Rücken zur königlichen Loge sitzen und durften sich nicht umdrehen. Spohr, neugierig, brachte einen kleinen Spiegel mit, um den Hof im Reflex zu sehen—bis ihn das Bühnengeschehen so fesselte, dass er den Spiegel den Schülern gab.

Nach dem ganzen Üben waren seine Lippen angeschwollen. Als seine Frau sie sah, erschrak sie; Spohr witzelte, sie seien vom Küssen hübscher Erfurterinnen geschwollen. Später, als die Wahrheit herauskam, fiel der Witz auf ihn zurück.